St. Petri Lübeck mit Bauplane "Auge"

St. Petri Lübeck mit Bauplane "Auge"

Kunst am Turm: St. Petri erhält eine rätselhafte Plane

Der eingerüstete Turm von St. Petri bekommt ein Kleid. Es ist praktisch. Es ist schön. Und das Beste: Es regt zum Nachdenken an. Es passt halt zu St. Petri, Lübecks Kunst- Kultur und Universitätskirche.

Der eingerüstete Turm von St. Petri bekommt ein Kleid. Es ist praktisch. Es ist schön. Und das Beste: Es regt zum Nachdenken an. Es passt halt zu St. Petri, Lübecks Kunst- Kultur und Universitätskirche. Technisch mag die Ver-Kleidung den Namen Plane tragen und der „Sicherung des öffentlichen Bereiches gegen herabfallende Teile bei den Stemm- und Maurerarbeiten“, dienen, wie es baudeutsch heißt. Aber so rätselhaft, verwirrend und attraktiv, wie die neue Hülle sich zeigt, ist es auch einfach eine Freude, sie anzuschauen. Denn: Die Gestaltung der Plane ist Teil einer Kunstaktion, die während der Bauphase auf programmatische Inhalte der Arbeit von St. Petri hinweist.

„St. Petri ist mehr als eine schöne Fassade in der Silhouette der sieben Türme. St. Petri steht für eine ganz besondere kirchliche Arbeit zwischen Kunst, Kultur und Wissenschaft.“, begründet Dr. Bernd Schwarze, Pastor an St. Petri, die Auswahl dieses besonderen Motivs. „Auf der Suche nach einem Blickfang für die Lübecker und die Touristen haben wir uns für eine künstlerische Gestaltung einer Gerüstplane während der Bauzeit an St. Petri entschieden. Der Leitspruch „Du erforschst mich. Kennst Du mich?“ zitiert und bearbeitet ein Wort aus dem 139. Psalm und verweist zugleich auf die Themen, die uns als Universitäts- und Hochschulkirche beschäftigen.“

Die Botschaft in Wort und Bild soll nachdenklich und neugierig machen - und dabei einladend sein. Denn: Aussichtsturm, Kirche und Café bleiben während der gesamten Bauzeit geöffnet. Diese Botschaft soll durch die künstlerische Plane mit vermittelt werden. Die Einnahmen durch den Fahrstuhl sind die wichtigste Geldquelle von St. Petri.

Die Plane besteht aus sehr reißfestem Gewebe aus Gittervinyl, sogenanntem. "Meshgewebe".  Eigentlich ist dieses Material das Leichtgewicht unter den Planen, ein Quadratmeter wiegt weniger als vier Tafeln Schokolade. Aber um den Turm von St. Petri zu bekleiden, werden 2000 Quadratmeter Fläche benötigt – das gibt dann also 800 Kilogramm. "Wir haben bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt ein Budget für die Plane eingestellt, weil wir aus technischen Gründen gezwungen sind, diese zu bauen“, sagt Architekt Christoph Diebold. „Durch die künstlerische Bedruckung sind nun Mehrkosten in Höhe von etwa 12.000 Euro entstanden. Wir hoffen nun aber zumindest Verluste aus dem Tagesgeschäft von St. Petri während der Bauarbeiten zu kompensieren. Wünschenswert ist natürlich, wir könnten die Attraktivität der Turmfahrten damit noch steigern und machen sogar ein Plus."
Auch das Anfertigen einer solchen künstlerischen Folie ist eine Wissenschaft für sich. Aufgebaut wird die Grafik in vier Entwurfsschichten. „Zuunterst liegt die Fotogrammetrie des Gebäudes, darüber die farbige Baualterskartierung der historischen Forschung, als oberste Layer folgen die Text- und Bildschicht“, erläutert Christoph Diebold. Die Plane wird mit Ösen und Bindern am Gerüst befestigt und soll bis Ende 2015 hängen bleiben. „Wegen der Windkräfte, die in der Höhe stärker angreifen als in Bodennähe, wurde das Gerüst zusätzlich am Mauerwerk verankert“, versichert er. Gedruckt wurde die Plane in insgesamt 30 Bahnen von einer darauf spezialisierten Druckerei in Berlin. Stück für Stück werden sie viele Tage hintereinander von oben her gehängt. Herr, du erforschest mich und kennst mich: Es war dieser Psalm 139,1, der die Künstlerin Kathrin Romer, Kommunikations- und Ausstellungsdesignerin, zu einem Entwurf mit Augen und Buchstaben inspirierte. „Das Auge als magischster Teil des Körpers ist die Nahtstelle, an dem die Fülle der äußeren Welt in unser Inneres dringt. Wir tauschen durch Blicke einen Großteil unserer Beziehungsinformationen aus. Im Symbol des Auges verdichten sich Assoziationen religiöser Aspekte der Beziehung zwischen Gott und Mensch.“ Und nicht zuletzt signalisiert dieses Auge, das nun in 50 Meter Höhe schwebt, dass von diesem sehr hohen Punkt über der Stadt hinausgeblickt werden kann. „Wir wollen Lübeckern und Gästen zeigen: St. Petri ist offen“,  betont Pastor Bernd Schwarze. Und zwar räumlich und geistig.

Was mit der Plane nach dem Abbau geschehen wird, ist noch nicht abschließend geklärt. „Wir haben Anfragen von Lübecker Bürgern, die sich Teile davon sichern wollen“, so Diebold. Die Sanierung von St. Petri kostet 2,8 Millionen Euro, bislang wurden 1.147.790,09 Euro (Stand 09.10.2014) über Spenden eingeworben. 

St. Petri Lübeck mit Bauplane "Auge" zwischen zwei Salzspeicher-Dachgiebeln

St. Petri Lübeck mit Bauplane "Auge" zwischen zwei Salzspeicher-Dachgiebeln

Der Turm von St. Petri Lübeck mit Bauplane über den Dächern der Obertrave

Der Turm von St. Petri Lübeck mit Bauplane über den Dächern der Obertrave

St. Petri Lübeck - Der Turm mit Bauplane "Auge" - daneben die St. Marienkirchtürme

St. Petri Lübeck - Der Turm mit Bauplane "Auge"

Zeichnung St. Petri Plane Ansicht von allen Seiten

Zeichnung St. Petri Plane Ansicht von allen Seiten