Eine Gruppe von Menschen verteilt vor dem Holstentor. Auf der rechten Seiten steht auf einem kleinen Mauervorsprung eine Dame und spricht in ein Headset zu den Leuten.

Stadtführerin Stephanie Ullrich (rechts), die die Benefiz-Stadtführungen für die Aktion “Sieben Türme” organisiert hat, begrüßt vor dem Holstentor die Teilnehmer der ersten Führungen am 20. Mai. Auch der Erste Stellvertretende Stadtpräsident Ulrich Pluschkell (SPD) (2. von rechts) hält eine Rede.

Stadtführungen für den Erhalt von Lübecks Silhouette

Stadtführerinnen und Stadtführer gingen für die Aktion “Sieben Türme will ich sehen” mit 80 Teilnehmern auf Benefiz-Touren zu den Innenstadt-Kirchen. Auch die Lübecker unter ihnen lernten dabei Neues über ihre Stadt. Alle Einnahmen fließen in die Erhaltung der Kirchen

Stephanie Ullrich stand in einer Traube von 80 Menschen vor dem Holstentor und war aufgeregt. Gleich würde sie eine Führung machen. Das ist für die erfahrene Stadtführerin eigentlich tägliche Routine. Trotzdem war an diesem sonnigheißen Freitag, dem 20. Mai, vieles anders: Zum ersten Mal hatte sie eine eigene große Aktion organisiert.

Fünf Stadtführerinnen und Stadtführer, die für verschiedenen Vereine oder selbständig arbeiten, würden jeweils eine Gruppe durch die Stadt führen. Ihre Ziele waren die Kirchen St. Marien, St. Aegidien, St. Jakobi, der Dom und die katholische Herz-Jesu-Kirche. Anschließend würden die Pastoren, der Propst oder der Organist Arvid Gast dann durch die Gotteshäuser führen. Das Besondere: Die Beteiligten arbeiteten ehrenamtlich, alle Eintrittsgelder kamen der Aktion “Sieben Türme will ich sehen” und damit dem Erhalt der Kirchen zu Gute.

Der Erste Stellvertretende Stadtpräsident Ulrich Pluschkell (SPD) eröffnete die Veranstaltung mit Grüßen von Bürgermeister Jan Lindenau, Schirmherr der Sieben-Türme-Aktion. Für die Erhaltung der Kirchen würden viele Spenden gebraucht, allein die bevorstehende Domsanierung kostet 23 Millionen Euro. Er bedankte sich bei den Stadtführern für ihren Einsatz. “Sie leben ja auch von den Kirchen, und sind ihnen besonders verbunden”, sagte er.

Enge Verbundenheit zu Lübecks Innenstadt-Kirchen

Dann trennten sich die fünf Gruppen. 20 bis 25 Menschen scharten sich um Ullrich, deren Führung in der Kirche St. Jakobi enden würde. Eine Teilnehmerin war ihre ehemalige Berufsschul-Lehrerin. Als eine der ältesten hier erinnerte sie sich, wie sie als Jugendliche in St. Jakobi das Weihnachtsoratorium hörte, “als die meisten anderen Kirchen noch zerstört waren”. Von Kind an hat sie eine enge Verbindung zu den Kirchen, wurde in St. Marien getauft und ließ ihren Sohn im Dom konfirmieren.

Währenddessen erzählte Ullrich am Beispiel des Holstentors, dass die Lübecker es liebten, ihren Reichtum zur Schau zu stellen: Es ist aus lasierten Ziegeln erbaut, die 13-mal so viel kosten wie unlasierter Backstein. Trotzdem sollte das heutige Wahrzeichen Lübecks 1863 abgerissen werden. Nur eine Stimme Mehrheit in der Bürgerschaft sorgte damals dafür, dass es stattdessen renoviert wurde.

Uwe Schmidt lauschte interessiert. Der Neu-Lübecker war mit seiner Frau gekommen, Freunde hatten ihnen die Karten geschenkt. Astrid Gilde wollte mit ihrer Karte die Aktion unterstützen. Sie hatte zuvor auch einen Kalender der Aktion “Sieben Türme will ich sehen” gekauft. Gilde ist Lübeckerin – wie alle Teilnehmer von Ullrichs Stadtführung.

Auch die Gruppe von Stadtführerin Monika Kramp bestand vorwiegend aus Lübeckerinnen und Lübeckern. Ihre Tour endete am Dom, wo Dompastor Martin Klatt sie übernahm. Er zeigte auf das Triumphkreuz in der Mitte des Domgewölbes: “Das ist das wertvollste Stück, das wir haben”, sagte er. Und erzählte vom Bombenangriff auf den Dom an Palmarum 1942, “als das ganze Gewölbe vor Hitze glühte”. Deshalb seien die oberen Figuren auf dem Kreuz heute schwarz. “Wir haben sie nicht erneuert, weil wir nicht so tun wollten, als sei nichts passiert”.

1150 Euro Spenden für den Erhalt der Kirchen

Dann ging er noch weiter zurück in der Geschichte der Kathedrale, die, wie alle alten Kirchen, einst katholisch war. Lübeck ist seit 1531 reformiert, doch anfangs habe es katholische und evangelische Gottesdienste parallel gegeben. Er ging weiter zur Kanzel, vor der er anfangs Respekt gehabt habe, erzählte er, “ich habe nämlich Höhenangst”. Später überwog seine Bewunderung für die Baumeister der Kirche: “Von hier kann ich mich auch ohne Mikrofon verständlich machen, und ich bin der Gemeinde nah, weil ich alle gut im Blick habe”. Dass der Altar im Dom in der Mitte der Kirche steht, sei geradezu “revolutionär”.

Früher stand der Altar im Ostchor der Kirche, der heute als Kulturraum genutzt wird. Für die Dauer der Dom-Renovierung wird hier eine Ausstellung über die erste große Backsteinkirche an der Ostsee gezeigt, sie war die letzte Station der Führung. Nach anderthalb lehrreichen Stunden reichte Stadtführerin Monika Kramp eine Spendendose herum. Viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer legten auf die zwölf Euro Eintrittsgeld eine weitere Spende für die Sanierung von Lübecks Kirchen drauf. Insgesamt kamen so aus allen Touren etwa 1150 Euro zusammen.

Benefiz-Führungen zu den Kirchen jetzt jedes Jahr

Stephanie Ullrich freute sich über die gute Zusammenarbeit von Stadtführern, Pastoren, Organist und Propst. Sie hatte schon Ideen für die Zukunft: “Wir könnten den Ticketverkauf verbessern und in der Marienkirche Turm- und Gewölbeführungen anbieten”, sagte sie. Denn sie hat schon beschlossen, dass es die Führungen zugunsten der “Aktion Sieben Türme” von nun an jedes Jahr im Mai geben wird.

Wegen der besonders großen Nachfrage wird die Führung zu St. Marien schon dieses Jahr ein weiteres Mal angeboten: Am 18. Juni, dem Tag der Backsteingotik. Beginn ist um 11.15 Uhr am Holstentor. Um eine Anmeldung wird gebeten bei Stephanie Ullrich, 0173-2326415 oder unter sonderfuehrung@gmx.de

 

Eine Gruppe von Menschen verteilt vor demRathaus, links im Bild spricht eine Dame ins Headset zu den Leuten

Organisatorin Stephanie Ullrich erzählt den knapp 25 Teilnehmern ihrer Benefiz-Stadtführung für “Sieben Türme will ich sehen” Anekdoten aus Lübecks Geschichte. Rechts der Erste Stellvertretende Stadtpräsident Ulrich Pluschkell (SPD)

Innenraum des Dom zu Lübeck. Links im Bild steht der Pastor der Gemeinde Martin Klatt erzählt den Leuten etwas über das Triumphkreuz welches im hinteren Teil des Bildes zu sehen ist. Zwei personen sitzen am Altar auf dem Boden, drei Personen stehen rechts und schauen aufs Triumpgkreuz

Dompastor Martin Klatt erzählt während der Benefiz-Stadtführung für die Aktion “Sieben Türme will ich sehen”, warum das Triumphkreuz im Dom oben schwarz ist.